7. Europäische Quilt-Triennale 2018

Fast beiläufig erzählte eine Kollegin neulich, das sie in Zons bei „Kaffee & Kuchen im Museum“ war, wo sie erstaunliche Quilts sah und einiges über die dort ausgestellten Werke erfuhr. Natürlich fragten wir sie aus … durften ihre Fotos angucken und ihrer Erzählung lauschen. Mrs. Suchmaschine verriet uns, das die „7. Europäische Quilt-Triennale 2018“ noch bis zum 24.03.2019 im Kreismuseum Zons zu sehen sein wird.

Zum Glück ist Zons gleich nebenan, so daß ich am späten Nachmittag nach der Arbeit noch vorbei fahren konnte. Wer mit dem Auto anreist, parkt am besten am Parkplatz an der Mühle oder am Friedhof. Denn der Stadtbereich von Zons ist nur für Anwohner.

Ein kleiner Spaziergang durch die Altstadt führt euch zum Museum.

Nachdem ihr an der Kasse eure 4,00 € Eintritt abgegeben habt, die Jacke links an der Garderobe aufgegangen habt dürft ihr nach oben und die Ausstellung in Angriff nehmen.

Der erste Eindruck

Dramaturgisch gekonnt fällt der Blick gleich als erstes auf dieses Werk von Jutta Kohlbeck – genannt Topogravity.

Der Begriff Topogravity ist eine Wortneuschöpfung der Künstlerin (?) aus Topographie und Gravitation. Dieser Quilt ist so gekonnt aufgehangen, das er wahrlich aus der Fläche aufpoppt.

Könnt ihr euch die Summe der Stunden vorstellen, die fürs Annähen der Perlen und anderen kleinen Details verstrichen sein müssen? Schaut euch mal die Ausschnitte an, die ich euch mitgebracht habe!

Ich bin sehr froh, den Katalog erst kurz vorm nach Hause gehen gekauft zu haben – so war mein Hirn ganz leer und konnte alle Eindrücke unbefangen aufnehmen.

Na ja, fast. Leider war die Museumsaufsicht für meinen Geschmack etwas zu aufdringlich. Die angelesenen Fakten zur Ausstellung ungefragt mitteilen und die Wahl der Kuratoren oder der Jury kommentieren – das ist nichts für mich. Dazu kam, das auch persönlich kein Bezug zum Thema Quilts da war … und wir zu den verwendeten Techniken ausgefragt wurden.

Dieser Quilt ist 115 x 146 cm groß. Verwendet wurde Baumwolle, Filz, Perlen, Pailetten, Rocailles, Posamentknöpfe. Applikationen und Reverseapplikationen, aufgenähte Filzelemente … ach, am besten schaut ihr es euch selber an!

Gehört eindeutig in die Kategorie „würde ich auch bei mir aufhängen“.

Weiter gehts …

Nachdem alle drei faszinierenden Werke im Eingangsbereich ausgiebig betrachtet wurden, wenden wir uns dem Saal rechts zu.

Viele Großformatige Quilts hängen dort. Werke von Regina Birk, Malou Cecilie van Dramen Glisman (Link zu einem Interview mit Gabi Mett), Pascale Goldenberg und Gisela Hafer.

Besonders faszinierend fand ich „Zerstückelung und Hoffnung/Fragmentation and Hope“ von Jennifer Hollingdale. Leider hab ich davon gar kein Foto gemacht. Aber die Idee, aus einem alten LogCabin Quilt ein Werk zu schaffen mit dem Bezug zu heute gefällt mir. Die Umsetzung ist mehr als gelungen. Daher müsst ihr schon allein deswegen in diese Ausstellung gehen!

Im Nebenraum hängt „Irrlichter“ von Marie-Louise Rosselet. Gerade bei diesem Stück merke ich, wie Titel verwirren können. Von weiter weg betrachtet sieht es für mich – vielleicht durch die Farbwahl, durch die Anordnung der Elemente? – eher aus wie eine Baumschule.

„In der Heiligen Nacht stapfen Kinder mit Kerzen durch den Schnee.“* ist im Katalog zu lesen.

Wenn ihr auch dort wart – was seht ihr in diesem Quilt? Ein Bild, einen Gedenken oder einfach nur ein „Werk-stück“?

Technikfragen & Materialvielfalt

Viel spannender als Titel und Interpretation ist für mich hier die Technik. Geht es euch auch immer so: Ihr steht vor einer Arbeit und fragt euch, wie dieser eine Effekt entstanden ist? Entsteht in euch drin auch gleich der Wunsch, am besten sofort herumzuprobieren und zu gucken, ob dieser Stil zu euch passen könnte?

Leider hatte ich zu spät von der Ausstellung erfahren und somit „Kaffee & Kuchen im Museum“ verpasst, wo der Besucher die Möglichkeit hatte, auch die Rückseiten der Quilts zu betrachten.

Im gleichen Raum hängen Cécile Trentinis „Cinderella neu interpretiert“ und Gudrun Müller-Mollenhauers „Hommage an die Plastiktüte„.

Bei manchen Kunstwerken fragte ich mich „Wo ist da der Quilt?“ – war für mich die Definition „Top, Batting und Rückseite werden durch (hand- oder maschinen-)nähen verbunden.“.

Mein schlaues Lexikon sagt jedoch folgendes:
„Ein Quilt ist eine vielseitig verwendbare Decke. Diese Decke besteht aus mindestens zwei, in der Regel aus drei Lagen.“

Wieder was gelernt.

Erstaunlich ist auch die Vielfalt an Materialien, die verwendet wurden. Viele Arbeiten enthalten Chiffon, Verpackungsmaterialien in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen aber auch Filz, Korkleder und Sackleinen tauchen neben klassischen Stoffen wie Seide und Baumwollwebware auf.

Preisträger

Im nächsten Raum hängen zwei der drei Preisträger dieser Triennale.

Urte Hanke (d) – Linear – Preis für Innovation im großen Format

Mit Preisen ist es wie mit allen anderen Bewertungen. Manchmal ist man ebenso begeistert wie die Jury, manchmal bleibt da nur ein großes Fragezeichen. Die Kriterien für den Doris-Winter-Gedächtnispreis, den Preis für Innovation im großen Format und des Preises für Nachwuchsquilterinnen unter 40 Jahren sind mir unbekannt.

Bisher war ich ja noch nie auf einer Ausstellung dieser Art, alle Namen sind für mich wie ein weißes Blatt Papier. An „abermals ausgezeichnet“ und „warum sind es immer die gleichen Künstler, die gezeigt werden?“ kann ich mich (noch) nicht stören. Alles ist neu für mich, alles auf seine eigene Weise faszinierend.

Judith Mundwiler (ch) – Netzwerk im Fluß der Zeit – Doris-Winter-Gedächtnispreis

Gegensätzlicher können Quilts fast nicht mehr sein als diese beiden prämierten Arbeiten. Beide faszinieren mich, jedes Werk auf seine Weise.

Den dritten Quilt dieser Runde hab ich einfach nicht vernünftig ablichten können. Daher bleibt euch nichts anderes übrig, als euch vor Ort selbst ein Bild davon zu machen.

Filigran vs. laut

Ebenso hängen hier Quilts, die in ihrer gegensätzlichen Wirkung beeindrucken.

Randomly Disappearing“ von Christine Chester (UK) ist eine spannende Interpretation eines Ninepatches aus alten Taschentüchern.

Besonders der Rahmen hat es mir angetan. Wie bei den Taschentüchern, die ich von meinen Omas früher geschenkt bekam, gibt es einen Spitzenrand, der hier noch durch eingeflochtene Worte individualisiert wurde.

Im Gegensatz zu den filigranen Taschentüchern hat Anneliese Jaros mit dicken Filzplättchen gearbeitet. Dieser 160 x 131 cm große Wandbehang wirkt bereits beeindruckend, wenn man noch direkt davor steht.

Geht man ein paar Schritte zurück, erkennt man dann auch das „Selbstporträt“ der Künstlerin, ihre Intention für diesen Quilt so beschreibt:

„Seit meiner Kindheit habe ich Scheu davor, fotografiert zu werden. Dieser Quilt ist ein Versuch, mich dieser Angst zu stellen und ein Akt der Selbstüberwindung.“*

Susanne Klinke hat mit „Kontakt“ einen Quilt eingereicht, der mich durch seine Technik fasziniert. Mehrere Lagen Tüll in verschiedensten Farben ergeben ein 205 x 140 cm großes werk, an dem rund zwei Jahre gearbeitet wurde .

Wie auch bei einigen anderen Stücken bin ich von den Details und den angewandten Techniken hingerissen – jedoch empfinde ich das Gesamtkunstwerk mehr als bedrückend, manchmal auch beängstigend.

Ich bin fasziniert vom Können, den Mut sich ganz individuell auszudrücken und die Fähigkeit, die eigenen Ideen „aus dem Kopf zu bekommen.“

So auch beim „Idol“ von Tiziana Tateo. Wieder wurde Organza benutzt, dieses Mal nur zur Akzentuierung.

Die Künstlerin selbst sagt:

„Mein großes Interesse an präkolumbianischen Kultfiguren inspirierte mich zu dieser zeitgenössischen Neuinterpretation.“*

Mein erster Gedanke war „Fastnacht im Schwarzwald“. Ich hatte sofort Guggemusik im Ohr und die Narros sowie die im Süden typischen Kostüme vor Augen.

Auch bei den „Aussichten“ von Ingrid Eckert weicht meine Interpretation von der im Katalog genannten deutlich ab. Weniger gesellschaftspolitisch, nur ganz einfach gestrickt. Schön ist der Quilt allemal.

Sehr organisch wirken auf mich die drei Quilts „Horizont 2“ von Fenella Davies, „Wirrwarr“ von Anne-Marie Brunner und „Sinnbild des Lebens“ von Trudy Kleinstein.

Trudy Kleinstein. (ch) – „Sinnbild des Lebens

Horizont 2 könnte auch die Skyline von Dormagen sein – Felder drumherum, das Chemiewerk im Süden …

Fenella Davies (uk) – Horizont 2

Ganz anders hingegen „Wirrwarr„: in der Beschreibung steht etwas von Flämmtechnik mit Lötkolben. Von Ferne betrachtet sehe ich entweder ein Geflecht von Algen oder der wiederholte Rapport der schemenhaften Darstellung der Kontinente.

Anne-Marie Brunner (ch) – Wirrwarr

In diesem Raum stehen auch zwei Vitrinen, in denen Arbeitsproben ausgestellt werden, die zu den eingereichten (und angenommenen) Quilts gehören. Manche dieser Arbeitsproben lassen schon sehr deutlich das spätere Werk erahnen, manche zeigen „nur“ die gewählte Technik.

Résumé

Ich hatte keine Vorstellung, was mich erwartet. Und bin sehr positiv überrascht worden. Eine gelungenen Mischung aus klassischen Techniken, modernen Werkstoffen und inspirierenden neuen Ideen.

Prädikat: sehenswert!

Falls du nun Lust bekommen hast, diese Ausstellung auch anzusehen und du gegebenenfalls eine Begleitung suchst: melde dich einfach bei mir! Vielleicht finden wir zusammen einen Termin.

Fakten zur Ausstellung

Wer nun Lust bekommen hat, selbst die Ausstellung in Zons zu besuchen, hat noch bis zum 24.03.2019 Zeit.

Öffnungszeiten
dienstags bis freitags von 14.00 – 18:00 h
samstags, sonn- und feiertags 11:00 – 18:00 h
montags geschlossen

Eintrittspreise
Erwachsene 4,00 €/ermäßigt 1,00 €
Familien 7,00 €

Noch mehr Hintergrundinformationen gibt es bei den öffentlichen Führungen:

Mittwoch, 13.02.2019 – 14:30 h
Mittwoch, 20.03.2019 – 14:30 h

Die Führung kostet 5,00 € pro Person, für Einwohnerinnen des Rhein-Kreis Neuss 1,00 €.

Darüber hinaus werden ein Fadenkunst-Workshop und eine Rallye für Kinder & Familien angeboten. Die weitere Informationen findet ihr auf der Museumsseite.

Weitere Termine & Ausstellungsorte

11.05. – 15.09.2019 – Textiles Zentrum Haslach

10. – 13.10.2019 – The Alexandra Palace, Knitting and Stitching Show, London

14.02. – 26.04.2020 – Textilmuseum St. Gallen


*Zitate aus dem Ausstellungskatalog „7. Europäische Quilt-Triennale 2018“, für 12,00 € im Museumsshop zu erwerben.

One thought on “7. Europäische Quilt-Triennale 2018

  1. Liebe Christina,
    hätte mir nicht eine Aachener Freundin, deren Schwester in Heidelberg lebt, von der Ausstellung erzählt, ich hätte sie in Zons nicht besucht.
    Deshalb ist es um so schöner, dass Du davon schreibst, denn im weltweiten Internet ist von diesem derzeitigen Ausstellungsort kaum etwas zu finden (Liebes Kreismuseum Zons, du brauchst eine viel bessere Internetpräsenz!).
    Wir sind fast zeitgleich durch die Ausstellung, hätten wir uns besser abgestimmt, hätten wir zusammen fachsimpeln können, mit welcher Technik was umgesetzt wurde, denn das ist auch das, was mich häufig länger beschäftigt.
    Spannend finde ich, dass Dir offensichtlich ganz andere Dinge ins Auge gefallen sind.
    Du fragst beispielsweise, was für einen Eindruck die Irrlichter auf mich gemacht haben? Ich habe mich bei dem Werk gefragt, wie es überhaupt in die Ausstellung gelangt ist, denn ich hatte den Eindruck, dass die Darstellung nur aus einer Lage besteht.
    Geschmäcker sind so vielseitig und verschieden. Den Kuratoren ist es gelungen, eine unglaubliche Vielseitigkeit zusammen zu stellen, sodass für jeden, der eine solche zeitgenössische Textilkunst mag, etwas dabei ist. Außerdem finde ich, sind die Quilt-Werke auch wunderbar in dem Museum auf gehangen worden.
    Also, ein großes Kompliment und unbedingte Sehens-Empfehlung!
    Liebe Grüße, Uta

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